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Tabus und Pluralismus

Andy @, Sunday, 29. September 2002, 13:29 @ katy /sopry


Als Antwort auf: Re: Da hast du Recht... von katy /sopry am 29. September 2002 13:07:32:


Polemik und Kurzform:

"Es ist nur ein Spiel." Ja, nichts was wir tun, hat einen Sinn, nichts was wir sagen, ist von Bedeutung. Laßt uns die Hände ergreifen und ein fröhliches Lied anstimmen, solange der Sand in unseren Zähnen dies noch erlaubt, wenn wir die Köpfe in denselben stecken.
Bitte, ein wenig mehr Geduld, ein wenig mehr Ruhe nehmen und wirklich lesen, was da steht. Und bevor ich die Antwort tippe, mal drüber nachdenken. Und dann nochmal nachdenken. Vielleicht was schreiben. (Auszug aus diversen Forumsregeln außerhalb der CHR-Welt). Ich hasse Logos und Kurzslogans - der Wahlkampf ist vorbei!

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Argumentativer Gedankengang (Langform)

Gewisse Argumentationslinien lassen meine Nackenhaare zu Berge stehen. "Es ist nur ein Spiel" - kann ich in diesem Fall nur als Playdoyer für Nichtdiskussion betrachten, als ein Evasionsmaneuver, um die unbequeme Diskussion abzuwürgen. Weder Kati noch Mel haben jemandem vorgeworfen hat, er würde Realität mit Spiel verwechseln oder als Massenmörder bzw. Vergewaltiger nachts mit irrem Blick durch die Gegend rennen. Genausowenig wie Katja direkt von einer Vergewaltigung geschrieben hat - ob das Mißbrauch Schutzbefohlener gewesen wäre steht auf einem anderen Blatt, wobei ich denke, dass diese Haarspalterei nicht den Kern der Sache weiterbringt.
Kati hat ihren Unmut über die Art der Darstellung geäußert, was auch ihr gutes Recht ist, wie ich finde, auch wenn man durchaus über die Wortwahl streiten könnte. Wenn ich auch nicht immer Katis Meinung bin, so halte ich diese Diskussion durchaus für lesenswert, wenn es denn gelingen sollte, die Ebene der persönlichen Beleidigungen weniger zu schneiden. Mit Willis Wortmeldung halte ich das Thema nicht für abgeschlossen, so viel Obrigkeitshörigkeit bekomme ich da nicht zusammen. Richtlinienkompetenz wird da an anderer Stelle gesagt....

Was die Emotionalität betrifft, so kann ich mich nicht daran erinnern, dass Dirk sich über Mels Schreibstil oder Darstellung beschwert hätte, sondern über andere Details zur Weihnachtszeit, die ich hier nicht noch einmal aufwärmen möchte. In Katjas Text ging es dagegen um die Opferung eines NPCs, damit erhielt dieser Text meines Erachtens rein beschreibenden Stimmungscharakter, so wie es Texte zum Sturm oder Beschreibungen von Reisen und Örtlichkeiten gab, die nicht direkt handlungsrelevant waren. Damit fallen sie unter Kriterien wie die Texte zu Mels prophezeiten Toten. Wenn sich dort jemand wegen eventueller Gewaltverherrlichung oder anderer Geschmacklosigkeiten geäußert hätte, hätte ich mich damit auch als einer der Gastautoren damit auseinandersetzen müssen. Fakt scheint bei Katjas Text für mich zu sein, dass es massive Kritik daran gab und diese Kritik (persönliche Dinge ausgenommen) auch weit über die Opferung hinaus geht.
Viel wichtiger als dieser spezielle Text von Katja finde ich eine Diskussion darüber, wo wir im CHR-Spiel selbst die Grenzen setzen wollen. Da ist Knuts Slogan zwar sehr schön, aber etwas unrealistisch, denke ich. CHR kennt eine Menge ungeschriebener Regeln und Tabus, wie gerade diese Auseinandersetzung zeigt. Zum bisherigen common sense hat es wohl gehört, dass Mißbrauch und Vergewaltigungen keinerlei Darstellung finden müssen. Das wurde und wird in Vorovis nun in Frage gestellt, ob bewusst oder unbewusst. Und darüber muß geredet werden.

Meine persönliche Meinung dazu ist:

1. Grausamkeiten wurden in CHR häufiger dargestellt, doch bislang standen sie nicht zum Selbstzweck, losgelöst von Handlungen, Plots und Erzählsträngen im Raum, die diese Grausamkeiten auch als genau diese funktional eingebunden haben. Derartiges kann ich bei dem konkreten Text nicht erkennen; ein Stimmungsbild von VOR gibt diese Funktionalität nicht wider. Damit erfüllen sie leider die Kriterien, die Kati durchaus als pornographisch umschreibt. Das halte ich nicht für zu hochgestochen, lasse mich gerne aber eines besseren belehren.

2. Gewalt im Zusammenhang mit Sexualität ist im Main Stream meiner Gesellschaft zumindest ungewöhnlich. Im Zusammenhang mit Mißbrauch bzw. Vergewaltigung und Minderjährigen bzw. Schuztbefohlenen ist es ein Verbrechen. (Es gibt da im J-Tempel EST eine Tafel, die Dirk meines Wissens geschrieben hat). Die Darstellung derartiger Szenen gehört nicht in ein offenes Forum, dafür gibt es paßwortgeschützte Archive.

3. Katjas spezieller Text sehe ich mehr als Stein des Anstoßes an, hier wurde wohl etwas mit (persönlichen?) Tabus herumexperimentiert, über Gründe möchte ich da keinerlei Spekulationen anstellen. Doch finde ich, dass derartige Tabubrüche - und hier geht das über diesen Fall hinaus - nicht unbedingt aus einer scheinbaren Anonymität des Internets heraus offen für alle ausgespielt werden müssen. Wie muß das jemand lesen, der als Kind Mißhandlungen erfahren hat? Da nützt der Hinweis "Es ist nur ein Spiel" recht wenig. Ich habe persönlich an einem anderen wunden Punkt von mir schon mal den Hut gezogen und CHR hingeschmissen.

Mal nachzudenken, was der Text bewirkt, den ich hier verfasse, könnte mal nicht schaden....

Gruß,
Andy


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