Ritual - Vorovis
Über Stil und Erzähltechnik kann man durchaus geteilter Meinung sein und ich habe nicht vor mich darüber zu verbreitern. Aber was ich da an Pornographievorwürfen und gewaltgeiler Abartigkeitsvermutungen gelesen habe, gerät doch schon ein wenig ins Groteske.
Worum gehts in dem Posting? Um ein Ritual.
Zu allen Zeiten waren Rituale symbolische Handlungen in einem angenommenen Bezugsrahmen. Wobei die Betonung auf dem Wort SYMBOLISCH liegt. Zu keiner Zeit war die rituelle Tötung von Menschen eine Volksbelustigung, sondern der Ausdruck tiefster Verehrung einer Gottheit.
Das verteufelte Ritual weist zwei Hauptelemente auf, Ekstase und den Tod.
Der Moment der Ekstase galt vielen alten Völkern als der Zeitpunkt, an dem sich der Schleier zwischen Mensch und Gottheit hebt und so den direkten Kontakt mit der Gottheit ermöglicht und als höchster Ausdruck der Lebenskraft. Ein Akt, der auch in aller Öffentlichkeit vollzogen wurde, ob es sich nun um Paarung mit göttlichen Tieren im Tempel von Sais, Fruchtbarkeitsrituale oder Orgien zu Ehren des Gottes Pan handelte.
Die Darbietung der Lebenskraft eines Menschen, galt in allen Kulturkreisen als das höchstmögliche Opfer, das einer Gottheit gebracht werden konnte. Das Blut wurde oft als das eigentliche Gefäß der Lebenskraft angesehen und ihm daher besondere Eigenschaften zugeschrieben.
Symbolisch gesehen bringt in dem beschriebenen Ritual die Opferpriesterin das Opfer durch seine Ekstase so nahe zu der Göttin, als dies dem Menschen möglich ist. In diesem Moment der Vereinigung zwischen Gottheit und Mensch, tötet die Priesterin das Opfer, bringt ihre Lebenskraft der Göttin dar und vollendet den Akt der Vereinigung. Die Seele oder Lebenskraft der Frau wird zum Teil der Göttin.
Kein kleiner Teil jener Auserwählten, die den Göttern geopferten wurden, nahm dieses Schicksal freiwillig auf sich, denn wie in CHR, waren Götter für die alten Kulturen keine philosophisch-abstrakten Ideen, sondern durchaus reale Erfahrung. Oft war das Joch des Opfertodes von der Gewissheit erleichtert, in der einen oder anderen Form in der Gottheit aufzugehen, oder im Leben nach dem Tode eine besondere Stellung einzunehmen und mit hohen Ehren für das Opfer verbunden.
Der Bezugsrahmen in dem sich dieses Ritual bewegt, ist Joulana, die dunkle Liebesgöttin einer dunklen Kultur. Sie steht nicht nur für körperliche Liebe und Zuneigung sondern auch für die besitzergreifende, zerstörerische und wahnhafte Liebe. Eine Göttin, die fordert bis zur letzten Konsequenz, auch den Tod der sie Liebenden. Die Reinheit (Jungfräulichkeit) des Opfers braucht keine weitere Erläuterung. Dieser Mythos lebt bis in die heutige Zeit und hat sogar in unseren Legenden (Einhorn) Niederschlag gefunden. So bleibt noch das Alter des Opfers, irgendwo zwischen 14 und 16 Jahren. Von Kind kann da in einer Welt wie CHR wohl nicht mehr die Rede sein.
Sicher gab es auch die Leichenberge an der Spitze mittelamerikanischer Sonnenpyramiden und die rauchenden, glühenden Statuen des Gottes Baal, in denen Säuglinge verbrannt wurden, doch das wurde in dem kritisierten Posting nicht einmal gestreift.
Ob es nun gewollt war oder nicht, in seiner Symbolik ist das beschriebene Ritual stimmig und der Göttin Joulana entsprechend.
Daher halte ich es weder für abartig noch für kleinbürgerlich-geile Sadismusphantasie.
Die gewaltgeilen Irren, die nach Präventivkrieg schreien und terroristische Kleinkinder mit Raketen ganz freiheitlich-demokratisch um die Ecke bringen, daß sind für mich die Kranken und Perversen.
Grüße
Josef
Re: Ritual - Vorovis
Als Antwort auf: Ritual - Vorovis von Josef/Hel am 30. September 2002 14:49:38:
Na endlich hat mal einer genau das geschichtlich fundiert niedergeschrieben, was ich die ganze Zeit über gemeint habe. Danke, Josef. Ich bin absolut deiner Meinung. Nichts Anderes wollte ich ausdrücken.
Dirk